Auf dem Foto unten sieht man unser feudales Frühstück der ersten Tage (Sparbrötchen, wie gesagt) - ein Brot, das wir in einer deutschen Bäckerei in Kathmandu erstanden haben. Ab Tag 3 sind wir dann aber auf tibetanisches Brot umgestiegen, was einfach NUR geil schmeckt und von dem man niemals genug essen kann.
Donnerstag, 8. April 2010
Namasté! (Nepal Teil I)
Auf dem Foto unten sieht man unser feudales Frühstück der ersten Tage (Sparbrötchen, wie gesagt) - ein Brot, das wir in einer deutschen Bäckerei in Kathmandu erstanden haben. Ab Tag 3 sind wir dann aber auf tibetanisches Brot umgestiegen, was einfach NUR geil schmeckt und von dem man niemals genug essen kann.
Montag, 22. März 2010
Holi Birthday, please mix the Poet!
Der frühe Vogel...

Lalkuthi Morning Call

Allerdings sparen wir inzwischen natürlich auch einiges an Zeit, weil wir wissen, wo welche Kinder wohnen und wer morgens schon quietschfidel herumspringt, wen man förmlich aus dem Bett werfen muss, usw. Auch dass Jasper viele Namen schon kannte – langsam merk ich mir auch ein paar – war ziemlich hilfreich, genau wie die Tatsache, dass wirklich JEDEN Morgen mindestens drei LehrerInnen da sind, um uns zu helfen. Obwohl ich nach fast zwei Monaten natürlich soweit sagen kann, dass die Befürchtung lächerlich war, aber Anfang Januar standen Mathieu und ich tatsächlich in einem Laden für – keine Ahnung – Metall-Zeugs? um eine Glocke zu kaufen, mit der wir morgens läuten konnten, und haben überlegt, wie laut die Glocke maximal sein darf, damit sich niemand über Lärmbelästigung beschwert. Europäisches Denken halt.Im Endeffekt haben wir bereits nach ein paar Tagen von mehreren Seiten zugetragen bekommen, dass die Eltern der Schüler begeistert darüber wären, dass wir ihre Kinder wecken und sie zur Schule begleiten, und sich ganz und gar nicht gestört fühlen. Nichtsdestotrotz hatten wir unseren Fluchtweg über die Bahn-Plattform (falls uns irgendwer mit fauligem Gemüse bewirft) fest im Hinterkopf, als wir am ersten Morgen wie verrückt die Glocke geschellt (also ich, wer sonst :) ) und „Schooltime! Get ready!“ (Mathieu, ich hatte ja immer noch keine Stimme) gerufen haben. Wir haben Zahnpasta-Pulver verteilt und den Kindern bei Bedarf (=die Mathieus ulkige Zeichenspache nicht vertanden haben) auf Bengali (Vokabelquelle: Lehrer) erklärt, wie man sich die Zähne putzt. Inzwischen putzen sie alle autonom und souverän, muss man sagen, aber hin und wieder schreit Jasper doch nochmal auf und sagt dann irgendwas wie: „NEIIIIIN! Nicht mit Dreck die Zähne putzen! Erde ist Dreck! Kein Dreck im Mund!“ Aber das ist selten, die meisten lernen schnell. Am Anfang haben Mathieu und ich dann ca. 10 Min. vor der Schule gewartet, die Kinder in Zweierreihen aufstellen lassen und ihnen dann am Brunnen die Hände mit antiseptischer Seife gewaschen. Die meisten Kinder hatten das ganz offensichtlich noch nie zuvor gemacht und nach einer kurzen Erklärung, wie man die Hände so wäscht, dass sie auch wirklich sauber sind, haben sie dann fasziniert ihre Finger angestrahlt und immerzu an ihren Händen gerochen, was sehr niedlich zu beobachten war. Ursprünglich hatten wir geplant, die Kinder in den Reihen kurz zu inspizieren, ob Hände, Gesicht, Nägel und Haare soweit in Ordnung sind, aber diese Vorgehensweise habe wir nach drei Tagen gleich wieder eingestellt, weil erstens fast alle dreckig waren und die halbwegs Sauberen sich bestraft fühlten, wenn sie sich nicht waschen durften, und zweitens weil Pünktlichkeit nunmal nicht zu den Tugenden der indischen Kultur gehört und das In-der-Reihe-Warten bei nach und nach eintrudelnden Schülern wenig sinnvoll war. Allerdings läuft dieser Teil der Morgenroutine inzwischen einwandfrei, da die Kinder sich gegenseitig helfen. Innerhalb von ein paar Wochen konnten sie sich soweit selbst organisieren, dass wir inzwischen mehr oder weniger als Aufsicht daneben stehen, aber immer zwei der älteren Schüler die Leitung haben und den Kleineren Seife und Wasser geben, das Handtuch herumreichen und Taschentücher für kleine Rotznasen verteilen.Sonntag, 3. Januar 2010
Stadt, Land, Fluss
Erwaehnenswert in dieser Woche war vor allem die Fahrt nach Raidigi, einem ungefaehr sechs Stunden von Mankundu entfernten Ort, in dessen Naehe weitere Human Wave-Projekte angesiedelt sind. Dort sind Tapas, Mathieu (der ja eigentlich in einem dieser Mikrokreditsystem-Projekte arbeiten wollte, aber durch seine Verwandlung zur Katze nun leider keine Daumen mehr hat, um die Finanzpapiere festzuhalten oder den Computer zu bedienen) und ich am Dienstag, 29. Dezember, hingefahren. Zuerst mit dem Zug, dann im Bus, dann auf dem Dach (!) von einem Jeep. Die beiden anderen kannten das schon und waren unbeeindruckt, aber ich fands toll. Vom Ort Raidigi aus ging es mit der Fahrradrickshaw an endlosen Reisfeldern entlang, vorbei an palmenueberhangenen Teichen, strohgedeckten Lehmhuetten, schlafenden Wasserbueffeln. Bei unserer Unterkunft, einer in den Ferien geschlossenen Schule, angekommen, sehnten wir uns vor allem anderen dem Abendessen entgegen – Katzen, wie gesagt – was mit Ratnas kulinarischen Kunstwerkenaber in
keinster Weise mithalten konnte – verwoehnte Katzen auch noch, tss tss. Nach einem Daemmerungsspaziergang zum Fluss, vorbei an den Garnelen-Zuchtteichen und Gemueseanbaufeldern der Gemeinde, gingen wir extrem frueh schlafen (um zehn! Normalerweise ist um diese Uhrzeit noch nicht mal das Abendessen in Gange), um Power fuer den Projektbesichtigungsmarathon am naechten Tag zu haben. Ab morgens um sieben ging es dann naemlich kreuz und quer durch die laendliche Idylle, hier eine Schule (mit sehr ordentlich gereihten Schuhen, wie man sieht), da ein Oeko-Toiletten-Modell, noch eine Schule, gesponserte Familien, Fotos schiessen, Haende schuetteln, Smalltalk. Wir bekamen von den in das Mikrokreditprojekt integrierten Familien die Problematik der
Verteilung geschildert, wobei uns eine Frage staendig beschaeftigte: Warum wollen die Rhode Island Chicken sich nicht vermehren? (O-Ton Tapas: “They are not interested in breeding their eggs.”) What? Welches Tier legt denn schon dauernd Eier und interessiert sich dann nicht mehr fuer sie? Sollte Vermehrung der Art nicht ganz oben auf der Prioritaetenliste eines jeden Tieres stehen? Zuechtung stellt komische Dinge mit der Natur an.Die Huehnerzucht war auch Hauptgespraechsthema beim Mittagessen, wann man wie vielen Familien wie viele von welcher Art Huhn geben sollte, um das beste Ergebnis zu erzielen. Ausserdem beschlossen wir, nachdem wir kurz einen 900 Jahre (!) alten Tempel - unglaublich,
hier stehen solche Wunder einfach so in der Gegend rum - besichtigt hatten, noch am gleichen Tag die Heimreise anzutreten, weil es nach den Kalkulationen vom Mittag nicht mehr viel zu erledigen gab. Nein, ich denke, ihr ahnt schon, was der wahre Grund fuer die verfruehte Rueckkehr war. Preisfrage. Miau.Allen ein frohes neues Jahr, ich hoffe ihr habt mindestens halb so viel Spass gehabt wie wir, dann war es sicher ein Senkrechtstart ins neue Jahr (fuer alle HSM-Fans: A night to remember)!

Ha! Dieses Foto sagt einfach alles :)
Samstag, 2. Januar 2010
Alles in Butter in Kalkutta

Alles in Oel in Kalkutta waere treffender (wenn auch weniger reimend), denn hier wird alles frittiert, was nicht schnell genug fluechten kann. Aber ich greife vorweg – und moechte mich an dieser Stelle auch fuer die (auch zukuenftigen) Verzoegerungen entschuldigen, denn die Regelmaessigkeit meiner Eintraege laesst – das weiss ich – noch stark zu Wuenschen uebrig. Aber eine unzuverlaessge Internetverbindung plus staendig ablenkende Aktivitaeten plus Feiertage ergeben nicht gerade die optimale Voraussetzung, um meine fruehabendliche Faulheit zu bezwingen und einen zusammenhaengenden Eintrag zu verfassen. Demnach sind die folgenden Eindruecke, da aus der (vagen) Erinnerung erzaehlt und bereits von nachfolgenden Ereignissen verfaerbt, nicht mehr so frisch wie die vor unseren Augen geschlachteten Huehnchen, die es gestern zum Abendessen gab. Der Vollstaenigkeit halber setze ich den Bericht aber trotzdem bei meiner ersten Fahrt nach Kolkata fort, die letzte Woche muss sich halt in ein paar Saetze zusammenquetschen – so wie die Leute hier im Zug, da kann auch keiner atmen und es funktioniert trotzdem.
Also, am 24. Dezember, waehrend die meisten von euch wahrscheinlich Gluehwein trinkend ueber den Weihnachtsmarkt spaziert sind oder noch schnell die letzten Geschenke eingepackt haben, sass ich in einem gurtlosen Taxi und wurde im Takt des aus dem Radio quaekenden “Jingle Bells” (Hindi Remix) durch den dezent bruellenden Stadtverkehr geschaukelt, dass der Zipfel meiner kauffrischen Weihnachtsmannmuetze nur so umherflog. Der Taxifahrer drehte das Radio lauter und begann mitzusingen – nur leider ein anderes Lied. Es erinnerte mich an die Twix-Werbung. Nur leider hatte ich kein Twix. Mathieus Kommentar (This is so weird!) brachte es auf den Punkt. Mit Blick auf die vorbeifliegenden Strassen den Tag reflektierend, kam ich zu dem Schluss, dass dies wohlmoeglich das unweihnachtlichste Weihnachten war, dass ich je erlebt habe (und vielleicht je erleben werde) – aber es war toll.
Trotz einem fruehmorgentlichen gewaltigen Sprung ins Fettnaepfchen, den ich hier lieber nicht oeffentlich preisgeben moechte, startete der Tag gut, es gab das gewohnte Fruehstueck, bestehend aus Chai, Toast mit Ananasgelee, Bananen und Ratnas besten Spiegeleiern. Mit einem von Tapas persoehnlich verfassten Plan machten wir (Jasper plus seine Mama und Schwester, die zu Besuch sind, Mathieu, ein bei uns residierender Belgier, und meine Wenigkeit) uns dann gen Kolkata auf, mit dem besagten Hauptverkehrsmittel fuer Langstrecken, dem Zug. Keine Tueren, froehliches Auf- und Abspringen nach Belieben, fahrende Verkaeufer fuer wirklich ALLES, unwirsches Gequetsche auf den Sitzen, lautes Geschrei, weil irgendwem irgendwessen Tasche auf den Kopf gefallen ist und bald der ganze Wagon in die Diskussion verwickelt ist. Das ist ein guter Fall, so, wie wir ihn eben auf dieser ersten Fahr erleben durften. An schlechteren Tagen, oder besser gesagt, waehrend der Rush Hour, versuchen 200 Inder irgendwie in einen Wagon fuer 80 zu passen und man muss ellenbogenkeifend kaempfen, um sein Lungenvolumen halbwegs ausnuetzen zu koennen. Wobei ich anmerken sollte, dass es im Ladies Department, das ausschliesslich fuer Frauen ist, nicht ganz so schlimm ist wie fuer die werten Herren.
In Howrah, der Hauptbahnstation Kolkatas, groesster Bahnhof Asiens (zumindest behauptet das Mathieu), angekommen, steuerten wir direkt den Faehranleger gegenueber an, um von dort aus den Ganges zu ueberqueren. Dies ist uebrigens die schnellste Moeglichkeit, in die Innenstadt zu gelangen, denn auch wenn Taxi und – je nach Fuelle – auch Bus meist konfortablere Transportmittel sind - der scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Howrah Bridge herrschende Stau allein kann bis zu einer halben Stunde Verzoegerung fuehren. Deshalb nahmen wir erst auf der anderen Seite des Flusses (Tapas nennt ihn liebevoll "die heilige Abwasserleitung") ein Taxi zum General Post Office – Fussmuedigkeit scheint einen in Indien schneller zu packen als anderswo. Ich sollte vielleicht bemerken, bevor sich jemand wundert, wie wir uns fuenf Taxifahrten an einem Tag leisten koennen, dass wir fuer 2 x ca eine Stunde Zugfahrt (Hin-Rueck) umgerechnet 10 Cent, Faehrueberfahrt 2,5 Cent und pro halbstuendiger Taxifahrt, bei Stau auch laenger, 30 Cent pro Person gezahlt haben. Man wird also von seinem Geldbeutel nich
t gerade zum Zu-Fuss-Gehen motiviert.Nachdem die Hoffmanns (Jaspers Familie) einige Postkarten unter beharrlichen Fotoblitzlichtern in den Foreign letters-Schlund des imposanten Gebaeudes (siehe Bild) hatten gleiten lassen, stiegen wir nach langer Preisverhandlung ins naechste Taxi (uebrigens alles quietschgelbe Embassadors). Eine weitere Achterbahnfahrt durch den mehr steinharten als zaehfluessigen Verkehr, durch Abgase und Raeucherstabchen”duft”, vorbei an verottenden Palastruinen und bunt beleuchteten Gartenanlagen, vorbei an Haendlern mit glitzernden, blinkenden Weihnachtsdekorabstrakten und Schnellimbissen mit integriertem Sockenladen als Zweitgeschaeft. Ziel: der Kalighat-Tempel, groesster Tempel der Goettin Kali (soweit ich das verstanden habe, koennte man diese Goettin mit Hera in der griechischen Mythologie vergleichen – eine jaehzornige Mutterfigur, Verfechterin der ehelichen Tugenden, die grausam waltet, aber auch Haus und Herd bewacht. Aber so genau kenne ich mich nicht aus). Zugegebenermassen war ich etwas enttaeuscht, denn davon ab, dass die Tempelanlage sehr ueberschaubar war, liess der allgemeine Zustand des Gotteshauses sehr zu Wuenschen uebrig – wie viele ehemals schoene Gebaeude der Stadt scheint es einfach vor sich hin zu gammeln . Die Verzierung deutet laengst verloschenen Glanz an, doch was man wirklich sieht, sind Dreck und broeckelnde Farbe. Na ja, das einzig halbwegs Spannende waren der Ziegenschlachtplatz, die Stelle der taeglichen Opfergabe, und der Fruchtbarkeitsbaum, an dem die Hindus ihre Kinderwuensche anbringen und um den herum der Tempel konstruiert ist. Im Tempel selbst gab es eine Armenspeisung, die von dem praktisch daneben liegenden Mutter-Teresa-Hospiz vergeben wird. Der Kalighat-Tempel liegt naemlich, das muss ich wohl dazu sagen, in einem der aermsten Stadtteile Kolkatas – hier schreit einem die Armut genau so extrem entgegen, wie man es sich vorstellt. Ihr kennt alle solche Bilder, ihr kennt alle solche Filme, ich muss nicht ins Detail gehen. Auch den ersten Blick in das von Mutter Teresa eingerichtete Heim fuer Schwerkranke und Sterbende will ich nicht widergeben – ich musste mehr als einmal schlucken. Nach einem dementsprechend kurzen Aufenthalt dort setzten wir uns wiederum ins Taxi, um zum Victoria M
emorial (siehe Bild), einem der bekanntesten Wahrzeichen Kolkatas, zu fahren. Trotz dem dezenten Aergernisses meinerseits ueber die Einrittspreise (Nationals: 10 INR, Foreigners: 150 INR – aber Mathieu meinte, dass ist ueberall in Indien so) genossen wir alle den Streifzug durch das eindrucksvolle Gebaeude im Neo-Renaissance-Stil und den dazugehoerigen Park (ein blau beleuchteter Weihnachtselephant war eines meiner persoenlichen Highlights). Das Museum im Bauwerk selbst, welches sehr huebsch symetrisch angelegt ist, weiss, mit vielen Saeulen, Stuck und einem glatten Teich als Spiegel, schloss jedoch, bevor wir es komplett besichtigen konnten. Ausserdem trieben nur noch unsere leeren Maegen die Beine an, seit dem Fruehstueck hatte es nur kulturelle Nahrung gegeben. Auf Jaspers Wunsch (und wir sind ihm zu tausend Dank verpflichtet, denn Cheesy Bites sollte es IMMER geben) sind wir dann, wiederum mit dem Taxi, in die Park Street (Kolkatas Oxford Street) gefahren – zu einem “Nobel”restaurant (ohne Witz, hier ist es das): Pizza Hut. Ich kann nur sagen, wir haben koeniglich gespeist. Die “If you had a good time, ring the bell”-Glocke war ueberdies sehr inspirierend (wir haben sie natuerlich ausgiebig gelaeutet). Danach sind Mathieu und ich noch fuer eine Weile in die Untiefen des New Market eingetaucht, eine sich scheinbar in alle Himmelsrichtungen erstreckende Ansammlung von Haendlern, aus der man fast keinen Ausweg findet: man ist gefangen zwischen lauthals schreienden Verkaeufern, die einem irgendwelchen Schwachsinn andrehen wollen – ok, ich versuche, nebenbei eine Rechtfertigung fuer den Kauf der Weihnachtsmannmuetzen zu finden :) Und fuer die mitunter peinlichen Tanzeinlagen an Glitzer-Lamettaweihnachtsbaeumen aus Plastik. Egal, die Leute starren einen ohnehin an, als sei man ein Alien, da ist das kommt es eh nicht mehr drauf an :) Allerdings mussten wir unseren edlen Kopfschmuck zwischendurch immer wieder mal abnehmen, um schneller voran zu kommen – wenn die Haendler sehen, dass man irgendeinen Ramsch gekauft hat, wittern sie umso mehr Chancen und bestuermen einen wirklich. Wir wussten uns zu helfen, irgendwann sassen wir erschoepft in besagtem Taxi und verfolgten den naechtlichen Stadtverkehr durch die heruntergekurbelten Fenster. Unentwegtes Hupen, der Taxifahrer erzaehlt uns irgendwas auf Bengali, dann singt er weiter, dreht das Radio noch lauter. Wie gesagt, ein sehr ungewoehnliches Weihnachten.
Tapas und Ratna mit besagten Weihnachtsmuetzen
Auch der naechste Tag entsprach nicht ganz meiner 1.-Weihnachtsfeiertag-Routine von zu Hause. Haarscharf vorbeigeschrammt.
Am Tag zuvor hatten wir mit einer der Schwester im Mutter-Teresa-Schwerkranken-und Sterbeheim gesprochen, die uns sagte, sie koennten ueber die Feiertage noch die ein oder andere helfende Hand gebrauchen. Daraufhin habe ich beschlossen, am naechtsten Tag, dem 25., dorthin zu fahren, um mitzuhelfen. Um ehrlich zu sein, war ich mir aber, bis ich auf der Tuerschwelle stand, unsicher, ob ich es wirklich machen sollte. Wie gesagt, der Eindruck vom Vortag zaehlt nicht gerade zu den rosigsten in meiner Erinnerung, und ich war mir nicht sicher, ob es villeicht zu arg sein wuerde, und ehrlich gesagt kann ich das jetzt immer noch nicht beurteilen. Aber irgendwie stand ich dann auf einmal in einer Schuerze da und hielt jemandes Brechschuessel, in die er beharrlich wuergte – wobei ich bemerken muss, dass das tatsaechlich normalerweise n
icht so einfach geht, man muss sich erst irgendwo anmelden und so, aber sie haben eine Ausnahme gemacht. Ich habe den Schwestern geholfen, Medizin, Essen und Trinken zu verteilen, habe mit den PatientInnen, die besser Englisch konnten, gesprochen, Lahme bei ihren Gehversuchen unterstuetzt und ein paar Mal Mullbinden in die Schwerverletztenecke gebracht. Das waren die angenehmeren Dinge. Was die restliche Zeit angeht, moechte ich auch nicht zu sehr ins Detail gehen, da mich manche Situationen derart schockiert haben, dass sie mir im Nachhinein komisch vorkommen. Die einzige Art, in der ich diesen Tag beschreiben koennte, waere eine ziemlich skurrile, die einen zum Lachen bringt, und das kommt mir alles andere als angebracht vor. Als ich irgendwann gegen fuenf meine Sachen wieder aus dem Holzspind nahm, habe ich erst gemerkt, wie anstrengend es eigentlich war. Chai mit Milch und Zucker auf der Dachterasse, den ich von den Nonnen bekam, half schon mal gegen die zittrigen Finger, Gespraeche mit anderen freiwilligen Helfern sorgten fuer Zerstreuung. Trotzdem hat dieser Tag definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen, oder besser gesagt einige der Menschen, die ich dort getroffen habe. Als ich auf der abendlichen Taxifahrt dem obligatorischen Hupkonzert lauschte, holte mich der Gesamteindruck dann naemlich langsam ein und ich kann nur sagen, dass ich unheimlich froh bin, es gemacht zu haben.
Die restliche Woche verlief relativ unspektakulaer, wobei die reine Tatsache, dass ich wirklich hier bin, fuer mich eigentlich schon Spektakel genug ist (SIEHE Bild!).
Ratna verwandelt uns alle langsam in Katzen, wir essen und schlafen und essen und schlafen. Wenn wir das nicht tun, streifen wir ums Haus und warten auf das Essen, lesen und warten auf das Essen, spielen, reden, spazieren. Aber im Prinzip, egal was wir tun, warten wir immer nur auf das Essen, so gut ist es. Ein kleines, lokales Highlight in Mankundu, unserem liebgewonnenen Provinzloch (naja, Provinzloch fuer indische Verhaeltnisse), war die “Geography and Science Prize”-Austellung der regionalen Schulen. Fuer uns war es vor allem deshalb lustig, weil jedes Experiment ein neues Raetsel aufgab, da wir die bengalischen Erlaeuterungen selbstverstaendlich nicht lesen konnten und somit die Fragezeichen ueber unseren Koepfen nicht so leicht zu vertreiben waren. Auch bei den langen Reden zu Beginn galt: wer am wenigsten verstanden hat, klatscht am lautesten (und das waren natuerlich wir)! Jasper ist mit seiner Familie losgefahren, um ein bisschen was von Indien zu sehen, ich habe einen viel zu teuren Schal gekauft, Mathieu war beim Frisoer und Axel ist zurueckgekehrt. Gegen Ende der Woche habe ich eine ziemlich boese Erkaeltung erwischt, weshalb ich seit Tagen keine richtige Stimme mehr habe – ihr koennt euch vorstellen, dass ist fuer mich das Equivalent zu tot. Mathieu und Axel hingegen meinen, dass ich wie ein Mann klinge, bzw. sind sich einig, dass die Abwesenheit meiner Stimme auch seine Vorteile hat :)
Bald geht es weiter, die nachmittagliche Faulheit hat wieder zugeschlagen, die Katzen gaehnen und traeumen weiter vom Abendessen...

Sonntag, 27. Dezember 2009
Kontrast-Reich
Mankundu, der Ort, in dem wir wohnen, ist genauso idyllisch, wie Ruth ihn beschrieben hat – wenn man vom Muell (den sie natuerlich auch erwaehnt hat) absieht, aber ehrlich gesagt, den sieht man nach ein paar Tagen wirklich nicht mehr. Dann schwimmen keine Plastiktueten mehr in den romantischen Teichen, kein Abfall umrahmt die verschachtelten Gaesschen, keine Farbe blaettert von den Mauern. Naja, fast. Aber man entwickelt einfach eine Art Dreck-Filter-Sichtweise, sonst koennte man weder die Landschaft geniessen noch die Luft einatmen, besonders in der Innenstadt. Nun aber erst einmal angekommen, wurde ich von Tapas, seiner Frau Ratna und ihrer Tochter Mimi (22) begruesst, die alle unglaublich liebenswert und herzlich sind. Mein Zimmer hat mich auch positiv uebberrascht, unser Haus ueberhaupt, weil es ein 4-Sterne-Hotel ist im Vergleich zu dem, was ich erwartet habe. Wenn die Dachterasse fertig ausgebaut/aufgeraeumt ist, sind es vielleicht sogar 5. Um mich in meinem Zimmer einzurichten, habe ich allerdings noch die naechsten Tage gebraucht, flink, wie ich von Natur aus bin :) Jasper hat mich dann auch gleich, wie gesagt per Fahrrad, mit nach Lalkhuti genommen, wo eines der Human Wave-Projekte angesiedelt ist. In der dortigen Schule fand eine Art traditioneller Rhythmus-Tanz statt, dessen Gesang Kindern Moral beibringen soll, aehnlich wie Fabeln. Die Kinder haben sich irrsinnig gefreut und waren sehr stolz, uns ihre Taenze vorfuehren zu koennen. Als wir gehen wollten, haben alle angefangen, uns Blumen in die Hand zu druecken bzw. als wir sie nicht mehr halten konnten, auf die Raeder zu stecken, wodurch wir auf der folgenden Rueckfahrt (oder sollte ich sagen Odysee?) noch mehr Blicke auf uns gezogen haben als ohnehin schon. Ich muss zugeben, dass ich mir diesen Teil nicht ganz so krass vorgestellt hatte – man wird wirklich auf der Strasse von jedem unverholen angestarrt, nur weil man weiss ist. Das ist ein bisschen seltsam, man kommt sich konstant beobachtet vor. Nein, eigentlich WIRD man konstant beobachtet. Ausserdem kommt man sich, wenn man (fuer uns) normal schnell geht, wie ein ICE zwischen Bummelbahnen vor – einfach ALLES passiert viel langsamer. Aber man sollte sich nicht taeuschen lassen: Inder sind furchtlos! Der Zug faehrt in den Bahnhof ein? Ach, laufen wir doch noch schnell ueber die Schienen, sonst kriegen wir ihn nicht. Der Bus ist zu voll, um sich irgendwie reinzuquetschen? Aaach, Baucheinziehen und rein! Der Bus ist wirklich zu voll (obwohl ich bezweifle, dass es ein bengalisches Equivalent fuer 'zu voll' gibt)? Aaaaach, wozu gibt es denn die offenen Tueren, das Dach, die Griffe aussen an den Fenstern?
Was soll ich sagen, ich war erst mal ueberwaeltigt. Wenn man das alles nur von Fotos und Filmen kennt, kann man zunaechst gar nicht glauben, dass all diese Dinge jetzt live vor einem stattfinden. Ich wiederhole mich - dann reicht es wohl fuer heute.
Es gab noch ein geniales Abendessen - vom jetzigen Standpunkt kann ich bereits vorwegnehmen, dass Ratna eine Magierin der kulinarischen Hoehenfluege ist - bevor ich nach diesem ereignisgeladenen 48-Stunden-Tag tot in mein baldachinueberhangenes Bett gefallen bin :)



